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"Im Fernsehprogramm ist kein Platz für ‚Normalos’"

14. März 2005
Der Journalist Bernd Kastner von der Süddeutschen Zeitung erhält den mit 5.000 Euro dotierten Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission für das Jahr 2004.

Ausgezeichnet wird der 35-Jährige für drei sehr fundiert recherchierte und einfühlsam geschriebene Reportagen im Lokalteil der SZ.

In den eingereichten Texten "Toleranz rechts der Isar", "Ausnahmezustand im Hasenbergl" und "Der Aufstand der braven Bürger" gelinge es dem Verfasser auf herausragende Weise, so die Jury, "Hintergrundwissen mit gründlicher Recherche und brillanter Schreibe zu verbinden". Mit der Auszeichnung würdigte das Gremium insgesamt die engagierte und journalistisch hervorragende Arbeit Kastners über soziale Themen.

Laudator Hermann Unterstöger, ebenfalls Autor bei der "Süddeutschen", würdigte vor allem die umfassende und saubere Recherchearbeit seines jungen Kollegen: "Da wird nicht gewettert oder gezappelt, nicht gepredigt oder an das Gewissen gerüttelt, nicht belobigt oder verdammt." In erster Linie berichte Bernd Kastner über "Geschichten, in denen es stinkt" und das mit einem bemerkenswert "reifen, gelassenen und lakonischen Schreibstil, der sich jeder prätentiösen Geste verweigert".
Alle Reden und Ansprachen finden Sie hier.
Ein weiterer Preis geht an die Fernsehjournalistin Uta Claus aus Berlin für ihren Film "Mein Schatz bleibt bei mir", der die Situation von Männern schildert, die ihre Frauen pflegen. Die halbstündige, in der ZDF-Reihe "37 Grad" gesendete Sozialreportage mit Beispielen aus München habe es geschafft, "ein alltägliches Thema aus einer völlig ungewohnten Perspektive zu erzählen". Der Film schafft es nach Ansicht der Jury, klassische Rollenklischees mit eindringlichen Bildern zu widerlegen und häusliche Pflege differenziert darzustellen.

Marion Glück-Levi vom Bayerischen Rundfunk hob vor allem die "liebevolle Beobachtung und das feine Gespür von Distanz und Nähe" hervor, die die Filmemacherin auszeichneten. Trotz aller Anteilnahme am Schicksal der porträtierten Menschen erzeuge der Film "keine lähmende Betroffenheit", sondern mache Mut: "Er zeigt, welche Kräfte Menschen aus gegenseitiger Liebe zuwachsen können."

Ebenfalls prämiert wurde der Beitrag "Sparen muss sein – aber nicht an der Liebe" aus der Reihe "Evangelische Morgenfeier" des Bayerischen Rundfunks. In seiner Ansprache hatte der Leiter der "Münchner Insel", Pfarrer Gerhard Born, auf beeindruckende Weise dargestellt, was aufgrund der staatlichen Reformen und Kürzungsmaßnahmen in seiner Beratungseinrichtung derzeit passiert. Die Sendung hatte ein ungeahntes Hörerecho hervorgerufen: Bisher kamen mehr als 10.000 Euro an Spenden zusammen.

Der frühere Münchner Regionalbischof Martin Bogdahn sagte in seiner Laudatio, Pfarrer Born habe in Ton und Inhalt seiner ungewöhnlichen Rundfunkpredigt "offenkundig einen Nerv getroffen, der bei vielen Menschen bloß liegt, seit der Umbau des Sozialstaats in Gang gekommen ist". Mir seinem Appell habe Born "ganz konkret, ungeschützt und nicht von oben herab die Rolle eines Anwalts der Armen" übernommen. Beide Preise sind mit je 3.000 Euro dotiert.

Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen und einstige Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, kritisierte in ihrer Festrede, dass das Fernsehen zur besten Sendezeit vorwiegend "junge und schöne Menschen" vorführe, die "faltenfrei, körpergestylt und figurgeshaped" seien. Die – ebenfalls von den Sendern angebotene – "Erlösung für uns Unvollkommene, Faltige, Pickelige und Übergewichtige" verspreche Glück und Erfolg mittels "strahlender Schönheitschirurgie, Wellness-Angeboten und Diäten".

Die Medien entwickelten so eine "schöne neue Welt ewigjunger ewigschöner neuer Menschen". Haberer wörtlich: "Es gibt eine wachsende Zahl junger Frauen, die sich als Niedrigstverdiener zum Teil hoch verschulden und lebensgefährlich gefährden, nur um einen neuen Hintern zu bekommen." Die "Normalos, die Unscheinbaren, Unschönen oder gar Behinderten und Gebrechlichen" würden dagegen als "Programmstörung" empfunden.

Den Verantwortlichen in den Medien empfahl die Professorin, die auch Sprecherin beim "Wort zum Sonntag" ist, sich im europäischen Ausland umzusehen. In der BBC könne man beispielsweise wunderbare Vorabendprogramme mit alten, faltigen und lebensklugen Menschen sehen, deren brillanter Humor höchste Einschaltquoten bringe. "Nur unser glattgelacktes Fernsehprogramm erträgt die Unterbrechung durch die Normalität des menschlichen Menschen nicht mehr."

Beeindruckend dagegen sei, so die evangelische Theologin, die in Bayern auch schon einmal zum Bischofsamt kandidiert hatte, wie der Papst als höchster Repräsentant der katholischen Kirche seine Gebrechen nicht verberge, sondern "öffentlich auf sich nimmt und erträgt": "Da unterbricht einer in bewundernswerter Weise das Programm mit der Normalität des Leidens."

Es sei schwer, Balance zu halten zwischen würdevoller und entwürdigender Darstellung, gestand Haberer zu. Während in den Medien viel Phantasie darauf verwandt werde, die menschliche Realität für die "kleinen Fluchten aus dem Alltag zu schönen", sei viel mehr Können und Kreativität nötig, "um das Normale, aber auch Schmerz, Leid, Unattraktives und Unscheinbares sensibel und eindrucksvoll zu beschreiben".

Der Geschäftsführer der Inneren Mission München, Günther Bauer, wies darauf hin, dass auch die Nichtveröffentlichung recherchierten Materials eine "journalistische Option" sei: "Es kann und darf nicht jede Banalität gedruckt oder gesendet werden, nur weil es eben druck- oder sendefertig ist." Trotz sinkenden Personalstandes hätten die Medien den Auftrag, im Sinne der Konsumenten Qualität zu liefern.
Den Karl-Buchrucker-Preis bezeichnete Bauer als eine "Rettungsinsel mit Signalwirkung in der mörderischen Flut dessen, was täglich medial über das Publikum hinwegschwappt".

Der Preis wurde dieses Jahr zum fünften Mal vergeben. Ziel ist es, durch die Auszeichnung von Beiträgen, die sich in herausragender Weise mit diakonischen oder sozialen Themen beschäftigen, den Stellenwert dieser Arbeit in der Öffentlichkeit zu fördern. Schirmherr des Preises ist der frühere Bundespräsident Roman Herzog.

Die Preisträger für das Jahr 2004: (v.l.n.r.) Bernd Kastner (Süddeutsche Zeitung), Uta Claus (ZDF-Reihe 37 Grad) und Gerhard Born (Evangelische Morgenfeier). Foto: Erol Gurian

Die Preisträger für das Jahr 2004: (v.l.n.r.) Bernd Kastner (Süddeutsche Zeitung), Uta Claus (ZDF-Reihe 37 Grad) und Gerhard Born (Evangelische Morgenfeier). Foto: Erol Gurian
Ansprechpartner: Klaus Honigschnabel
Tel.: 089 / 12 69 91 - 121

Nachricht verfasst von: Klaus Honigschnabel


Einrichtung: Geschäftsstelle der Inneren Mission München


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